Der indische Philosoph, Jidda Krishnamurti meinte, dass “Beobachten, ohne zu bewerten ist die höchste Form menschlicher Intelligenz”

Generell brauchen wir Wertungen zum Leben oder Überleben! Würden wir nicht werten, könnten wir nicht schnell zwischen gefährlichen und sicheren Situationen unterscheiden und würden uns wohl nicht bis zu diesem Punkt der Evolution weiterentwickelt haben. Doch schwierig wird es, wenn wir in jeder Begegnung oder Konversation, unseren Wertungsmechanismus freien Lauf lassen, den dann können wir, nicht mehr zuhören. Sowie wir werten, also das Gehörte sofort in Kategorien wie richtig, falsch oder gut/schlecht usw. einordnen, oder die Erzählerin als dumm/klug, umständlich/zum Punkt kommend, ganz egal in welche Richtung – sowie wir werten, wird es immer mein Zuhören beeinträchtigen. 

Bitte diese nun folgende Idee nicht als wissenschaftlich fundiert oder durch Neurowissenschaftler überprüft betrachten, aber ich könnte mir vorstellen, dass wir im Wertungsmodus unser “altes Gehirn” aktiv haben, welches schnelle, auf das Überleben programmierte Entscheidungen treffen muss. Die quasi Aufgabe dieser Gehirnregion ist wohl weniger die umfassende und tiefgreifende Beschäftigung mit dem Inhalt, dies wäre  eher die Aufgabe des neuen und weiter entwickelte Teil unseres Gehirns. Und da trifft sich vielleicht das Zitat von Krishnamurti, dass die Beobachtung gegenüber der Bewertung als höchste oder zumindest höhere Form der Intelligenz betrachtet werden kann. 

Der erste Schritt kann also sein, Wertungen also etwas Normales, aber nicht in jeder Situation angebrachtes zu verstehen, da wir vieles was wir täglich erleben auch nicht unmittelbar bewerten müssen. 

Nun zum zweiten Schritt:. 

Was uns Menschen generell auszeichnet ist, sich Gedanken über unsere Gedanken zu machen und eine Wertung ist nichts anderes als ein Gedanke. Demnach ist der zweite Schritt, auf unsere täglichen Wertungen gezielt zu achten. Wie sehe ich die andere Person, die mir etwas erzählt? Rolle ich innerlich die Augen, wenn aus meiner Sicht eine Kleinigkeit Anlass für Verzweiflung auf der anderen Seite sind, denke ich mir nach den ersten Sätzen, “was für ein Blödsinn ist das schon wieder” – was wird passieren? Ich werde nicht alle Informationen aufnehmen, ich werde vor allem nicht die emotionalen Botschaften lesen, die sich hinter den sachlichen Inhalten verstecken. Mir wird aufgrund der Wertung viel entgehen, weil die Wertung Ausdruck meiner Gedanken ist und meine Gedanken nicht mehr fokussiert auf Thema und Person im Gespräch sind, sondern durch die Wertung vernebelt und verfälscht. Jeden Tag passieren in Gesprächen Missverständnisse, Unklarheiten und Konflikte, weil wir die Worte durch den Filter unserer Wertungen hören und nur mehr die Inhalte hören, die unsere Wertung bestätigen. Otto Scharmer, Professor am MIT, beschreibt in seiner Theorie U, 4 Arten des Zuhörens. Die erste Form nennt der downloaden, dieses Zuhören dient nur der Bestätigung der eigenen Theorien und Urteilen. Hören wir nur das, was unsere Wertung bestätigt, so sind wir nur zu einem kleinen Teil zu einer gemeinsamen und kooperativen Lösung bereit. Es gilt also die eigenen Wertungen zu beobachten und diese, Schritt für Schritt wegzulassen. Uns einfach auf das einlassen, was vom Gegenüber kommt, vom Anfang bis zum Ende. Für mich persönlich bedeutet wertfreies zuhören vor allem eine große persönliche Freiheit und Autonomie, da ich mich durch vorher gefasste Urteile nicht in meinen Entscheidungen beeinflussen lassen. Das Diktat der Wertung ist brutal, es kann aber unsere Entscheidung sein, dies zu unterlassen.

Die dritte Stufe ist also der schrittweise Ersatz von Wertungen durch Beobachtungen. Ich nehme auf, was ich höre und sehe, beobachte, lasse auf mich wirken, gebe dem Raum und Platz. Es reicht oft die Situation oder die Aussage wie von außen zu betrachten, aus Position einer BeobachterIn. Wir können uns hineinversetzten und dabei die Szene wie einen Film ablaufen lassen, den wir betrachten, müssen aber nicht sofort eine Rolle übernehmen.

Ich werde dann erleben, dass sich in mir neue Türen öffnen, neues Verständnis für die Welt anderer entwickelt, neue Ideen und kreativere Ansätze aufkommen, es werden Brücken gebaut und Gräben zugeschüttet werden, 

Ich fasse kurz die 3 Schritte zusammen: 

1 Bewusstsein, dass Wertungen lebensnotwendig sind, jedoch in Situationen, die schnelle Reaktionen erfordern, kaum aber, wenn ich in einem Gespräch anderen problemerfassend zuhören muss.

Schritt 2: Klarheit erlangen, dass eine Wertung rein ein Gedanke ist, für welchen ich mich entscheide und den ich durch andere Gedanke und Haltungen ersetzen kann

Schritt 3; Schritt für Schritt bestehende Wertungen durch Beobachtungen ersetzten und somit die Kraft der Wertfreiheit als echte Freiheit erleben. Die Szene von außen beobachten, mehrere Blickwinkel einnehmen.

Antoine de Saint -Exupery hat geschrieben, um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

Wie schaffe ich es, wertfrei zuzuhören?

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